Migration & Manipulation

(Rechts)populismus als politische Kommunikationsstrategie

Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) hetzt gegen rassifizierte Menschen. Sie stilisiert die ‚Massenmigration‘ als Bedrohung für den Sozialstaat, die ‚deutsche Kultur‘ und die innere Sicherheit. Dafür nutzt sie systematisch Rechtspopulismus als politische Kommunikationsstrategie.

In diesem Artikel wird auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes das Framing der AfD von Migration als ‚bedrohlich‘ und ‚illegal‘ als Teil einer bewussten rechtspopulistischen Strategie eingeschätzt. Darüber hinaus wird der aktuelle restriktivere Migrationskurs von SPD und CDU als Reaktion auf den Aufstieg der AfD gesehen. Insbesondere werden die inhaltlichen und rhetorischen Annäherung von CDU-Politiker*innen an die AfD kritisiert, da neue Erkenntnisse aus der Politikwissenschaft darauf hindeuten, dass sich eine programmatische und rhetorische Annäherung an rechtspopulistische Parteien nicht zur Rückgewinnung von Wähler*innen eignet.     

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„Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde“

schrieb Marcel Grauf, Mitarbeiter der AfD-Abgeordneten Christina Baum und Heiner Merz im Stuttgarter Landtag, in seinen privaten Facebook-Chats.

Im Januar 2024 trafen sich prominente Vertreter*innen der AfD und der CDU mit bekannten Rechtsextremen, um Remigrationspläne für potenziell Millionen von in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte auszuarbeiten. Laut Martin Sellner, der sich als Redner bei diesem Treffen äußerte, seien folgende „juristische“ Gruppierungen; „Asylanten“, „Nicht-Staatsbürger“ und „nicht-assimilierte Staatsbürger“, die „primären Zielgruppen“ einer „Remigrationspolitik“. Voraussetzung sei, dass diese Deutschland „ökonomisch“, „kriminologisch“, „kulturell“ schaden würden, Dabei seien europäische Migrant*innen „nicht das entscheidende Problem“, und würden „keine direkte Bedrohung für die [deutsche] ethnokulturelle Identität“ darstellen, da sie sich nicht durch ein „starkes ethnisches Wachstum“ oder durch „Kettenmigration“ auszeichnen würden, und somit keine „politisch dominante Gruppe“ in Deutschland werden könnten. Die „afro-arabischen“ Migrant*innen verortet Martin Sellner durch ihre großen „Bevölkerungsreserven“ in Zusammenhang mit „starke[m] Wachstumspotenzial“, „höhere[n] Geburtenraten“ und „Clanbildung“ jedoch als Bedrohung.

Inzwischen wurden die AfD-Landesverbände in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. Bisher gilt die AfD bundesweit als rechtsextremer Verdachtsfall. 

Dennoch erzielt die Partei Ergebnisse, die vor einem Jahrzehnt noch als völlig ausgeschlossen galten. Schließlich war Deutschland ein „weißer Fleck“ „auf der Landkarte des europäischen Rechtspopulismus“. Bei den Wahlen in Bayern zog die AfD jedoch mit 14,6% in den Landtag ein. Im Bundesland Hessen erzielte die AfD sogar 18,4%. Prognosen wie die etablierte Sonntagsumfrage gehen davon aus, dass die AfD mit 23% in den Bundestag 2025 einziehen könnte. Damit wäre eine in Teilen rechtsextremistische Partei, welche die Grundprinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung immer wieder in Frage stellt, möglicherweise zweitstärkste Kraft im Bundestag. 

(Rechts)populismus als politische Kommunikationsstrategie

Kernelement im Populismus ist die Idee „eines tugendhaften und homogenes Volkes“, welches innerhalb eines Staates besteht. In diesem ‚Kernland‘ gab es in der Vergangenheit „ein gutes Leben”, welches jedoch durch Korruptionen und die Falschdarstellung der Gegenwart nun nicht mehr existiert. Wesentliches Narrativ im Populismus ist demnach die vermeintliche Existenz einer politischen Elite oder eines Etablissements, die nicht länger das ‚Volk‘ vertreten. Entsprechend fokussiert sich Populismus auf Themen wie Migration, Globalisierung und innenpolitische Themen wie Steuerbelastungen, Eingriffe des Staates und seiner Vertreter*innen in Form von Politiker*innen, Intellektuellen, Bürokrat*innen und Fachleuten in das Leben der Bürger*innen.

„Mit dieser Politik treiben sie die Kommunen in die Verzweiflung, sprengen die Sozialsysteme, verschärfen die Wohnungsnot und untergraben die innere Sicherheit. Aber vor allem: sie nehmen den Deutschen ihre Heimat.“

rief Alice Weidel im Bundestag.

Rechtspopulismus grenzt sich zu anderen Formen des Populismus ab, indem das Soziale besonders scharf dichotomisiert wird, sodass eine „Wir-Identität“ geschaffen werden kann, die sich oft entlang nationaler, regionaler, religiöser und ethnischer Linien konstruiert. Folglich liegt Rechtspopulismus immer Gedankengut mit antipluralistischen Tendenzen zu Grunde, das sich gegen Minderheiten richtet. Klassische Feindbilder sind demnach oft staatsübergreifende Institutionen wie die Europäische Union, da sie als Gefahr für die ‚Kultur‘ des ‚Kernlandes‘ dargestellt werden. Besonders im Zusammenhang mit Migration aus ‚kulturfremden‘ Ländern, wie nordafrikanischen und muslimisch geprägten Staaten, wird vor der ‚Überfremdung‘ gewarnt. Durch diese Weltanschauung werden Forderungen nach Abschottung und Abgrenzung von kulturell als nicht zugehörig betrachteten Fremdgruppen, bis hin zur offenen Unterstützung von Massenabschiebungen, ermöglicht.

 In der Abgrenzung zum Rechtsextremismus ist Rechtspopulismus oft mehr politische Strategie als Ideologie. Rechtspopulismus appelliert an die Ängste, Vorurteile und Ressentiments der Wähler*innen mit dem Ziel der Mobilisierung und Einflussgewinnung. Rechtspopulistische Strategien sind beispielsweise inszenierte Tabubrüche durch Verwendung gewaltvoller Sprache, das Einfordern radikaler Lösungen oder „mehr Härte“ gegen bestimmte Gruppen. Dabei kann Populismus durchaus auf reale Problematiken verweisen, instrumentalisiert diese jedoch für die eigenen Interessen im besonderen Maße. 

Als rechtspopulistische Parteien, werden Parteien verstanden, die sich populistischem und rechtspopulistischem Gedankengut und Strategien bedienen. Nicht auszuschließen ist, dass auch rechtsextremistische Ideologien, wie im Falle der AfD, Bestandteil dieser Parteien sind.

Der Begriff (Rechts)populismus wird verwendet, wenn die Trennung zwischen Populismus und Rechtspopulismus nicht eindeutig ist.

Framing-Theorie

Komplexe politische Sachverhalte werden im medialen Diskurs nie in ihrer Gänze beleuchtet. Aufgrund von zeitlicher, personeller oder informativer Ressourcenbegrenzung oder eigenen Interessen werden Sachverhalte von allen kommunizierenden Akteur*innen immer reduziert und niemals objektiv dargestellt. Zwangsläufig werden dadurch Aspekte des Sachverhalts hierarchisiert und ausführlicher thematisiert, wohingegen andere vernachlässigt werden. Sachverhalte werden demnach durch einen subjektiven Blickwinkel dargestellt, eingerahmt oder geframet. Framing bedeutet daher „die Auswahl einiger Aspekte einer wahrgenommenen Realität“ mit dem Ziel, eine „bestimmte Problemdefinition“, „kausale Interpretation“, „moralische Bewertung“ oder „Handlungsempfehlung“ nahezulegen. So schaffen Framings „geteilte Deutungsmuster“, für einen Sachverhalt. Folglich ist ein Framing entscheidend dafür, ob die Adressierten ein Problem wahrnehmen, wie sie es verstehen, sich daran erinnern, es bewerten und wie sie sich entscheiden, darauf zu reagieren.

Dabei gibt es für einen Sachverhalt selten nur ein Framing. Vielmehr stehen unterschiedliche Deutungsmuster in einem ‚Framing-Wettbewerb‘ und damit einem „Kampf um die Deutungsmacht“ einander gegenüber. Neben Faktoren wie „Nachrichtenwert“ oder die Vereinbarkeit mit „Ideen, Werten und Normen“ der Adressierten, sind „Status, Glaubwürdigkeit und Ressourcen“, im Endeffekt die diskursive Macht der kommunizierenden Akteur*innen, entscheidend dafür, ob sich ein Frame durchsetzt. Dadurch ist es die Norm, dass Akteur*innen Frames adaptieren und gemeinsam dafür lobbyieren. Denn wird ein Framing von mehreren Akteur*innen gleichzeitig kommuniziert, gewinnt dieser in der Regel an „Gewicht und Legitimität“. 

Die Instrumen-talisierung von Migration

Die Ursprünge der AfD

2015 generierte die Fotographie des zweijährigen Alan Kurdî, der tot am Strand der türkischen Mittelmeerküste angespült wurde, massive mediale Aufmerksamkeit. Seine Familie hatte im September versucht, über die türkische Küste zur griechischen Insel Kos zu gelangen. Nur der Vater der vierköpfigen Familie überlebte. Dabei reihte sich dieses Bild lediglich ein in die „tragische und spektakuläre“ Zurschaustellung von Menschen in „überfüllte[n] Flüchtlingsboote[n] oder Verstecke[n] in Hohlräumen von LKWs“, welche die Medien dominierten.

Die Destabilisierung in Teilen des Nahen Ostens und Nordafrikas, verschärft durch den Bürger*innenkrieg in Syrien, verursachte einen merklichen Zustrom von Schutzsuchenden nach Europa. Dadurch wurden im Jahr 2013 erstmalig über 100 000 Erst- und Folgeanträge von Asylsuchenden in Deutschland gestellt. Bereits 2015 hatte sich diese Zahl mehr als vervierfacht (476 649) und auch im Folgejahr zeichnete sich der steigende Trend mit 745 545 dokumentierten Anträgen ab. Begleitet wurde diese sogenannte ‚Flüchtlingskrise‘ nicht nur von einer intensiven Debatte über Asylpolitik, Grenzkontrollen und Integration, sondern auch von einer Politisierung im Privatbereich. Gruppierungen wie Pro Asyl veröffentlichten Handreichungen zur „Willkommenskultur“ für Vereine und Initiativen.  Währenddessen zogen ab Herbst 2014 Sympathisant*innen und Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA) vermehrt montags auf die Straße, um Kritik und Unzufriedenheit an der Asyl- und Einwanderungspolitik und aktuellen Regierung zu äußern. Parallel dazu stiegen die Wahlbeteiligungen in den Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt bei Landtagswahlen um etwa zehn Prozentpunkte. Zur Bundestagswahl erhöhte sich die Wahlbeteiligung immerhin um 5%. Die erst 2013 gegründete rechtspopulistische Partei AfD nutzte die Polarisierung der ‚Flüchtlingskrise‘, um sich als europa- und migrationskritische Partei für mehr „nationale Souveränität“ zu positionieren und erste Wahlerfolge zu generieren.

Die ‚Islamisierung‘ Deutschlands

Die „ungebremste[..] Massenmigration nach Deutschland“ von Geflüchteten aus vor allem muslimisch geprägten Ländern, setzte die AfD in Verbindung mit Asylmissbrauch und Erschleichung von Sozial- und Gesundheitsleistungen. Parallel dazu stilisierte die AfD den Islam und die wachsende Anzahl von Muslim*innen als „große Gefahr für unseren Staat, unsere Gesellschaft und unsere Werteordnung“. So warnte der damalige stellvertretende Parteivorsitzende Alexander Gauland vor der „Islamisierung“ Deutschlands. Beatrix von Storch, zu dieser Zeit Europaabgeordnete der AfD, erklärte, der Islam sei eine „politische Ideologie“, die mit dem Grundgesetz nicht zu vereinbaren wäre. Entsprechend forderte die AfD in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl die Einführung der deutschen „Staatsbürgerschaft durch Abstammung“.

 Damit reihte sich die AfD in gängige Interpretationen antiislamischer Populismusströmungen ein, in denen muslimische Gemeinden häufig als sich der Integration verweigernde „Parallelgesellschaften“ gelten. Aktiv wird so Misstrauen gegenüber den „Fremden“ geschürt und Muslim*innen unter „Generalverdacht“ gestellt. Das legt die Vermutung nahe, dass die AfD aus ebendiesem Grund bei verschiedenen Landtagswahlen 2016 zwischen einem Viertel und einem Drittel ihrer Stimmen von Nichtwähler*innen gewinnen konnte. Demzufolge galt die AfD lange als Sammelbecken für Protestwähler*innen und weniger als die neue Partei für „Neonazis“. 

Das Framing von Migration als ‚Bedrohung‘

Das Framing von Migration als ‚bedrohlich‘ zeigt sich auch deutlich im Zusammenhang mit dem sogenannten „Einzelfallticker“ der AfD. Auf der Homepage der Partei werden auf einer Deutschlandkarte nach Standort Pressemeldungen über Verstöße und Verbrechen veröffentlicht. Dabei werden scheinbar ‚kulturfremde‘ Merkmale in den Vordergrund gestellt, wodurch Menschen rassifiziert werden. So wird aus der ursprünglichen Pressemeldung „Polizei Schwaben Nord: Körperverletzung“ der Titel „Augsburg: Mann mit afrikanischem Aussehen schlägt 20-Jährige“. Hierbei wird suggeriert, dass es sich bei diesen Verbrechen keinesfalls um Einzelfälle handele, sondern um ein, durch Migration hervorgerufenes, systematisches Problem. Der „Einzelfallticker“ vermittelt hierbei, dass die Bedrohung ausschließlich von derartig rassifizierten Menschen ausgehe. Unterhalb des Einzelfalltickers werden Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2022, veröffentlicht im März 2023, zitiert. So seien 40% aller Straftaten von Täter*innen ohne deutschen Pass begangen worden. Messerattacken seien im Vergleich zum Vorjahr um 15% gestiegen. Insgesamt hätten sich 35% mehr „Zuwanderer“ unter den Tatverdächtigen befunden. Auf berechtigte Kritik an der PKS aufgrund ihrer Erhebungsmethoden und dem dadurch inhärenten Bias wird nicht eingegangen. So werden aktiv Ängste geschürt vor der „aktuellen Massenzuwanderung“ von „gering bis gar nicht qualifizierter Menschen“, welche „eine Katastrophe für unser Land und eine schwere Belastung für künftige Generationen“ darstellen. In diesem Zusammenhang spricht die AfD vom „Asylparadies Deutschland“, „Asylmissbrauch“ und fordert die „Senkung von Anreizen und zur Wahrung der sozialen Gerechtigkeit“ in Deutschland. Sie spricht außerdem von „desaströsen Folgen der unregulierten Massenzuwanderung“.   

Das Framing von Migration als ‚illegal‘

 ‚Illegale‘ oder ‚irreguläre‘ Migration wird grundsätzlich als „Bedrohung“ oder „Sicherheitsrisiko“ geframet. Grund dafür ist die Assoziation mit einem Verlust der Grenzkontrolle, der Überlastung der Sozialsysteme, der Verdrängung einheimischer Arbeitnehmer und steigender Kriminalität. Die AfD spricht in diesem Kontext von „illegaler Zuwanderung“.

Da ‚irreguläre‘ oder ‚illegale‘ Migration immer im Zusammenhang zum Grenzübertritt in einen Staat steht, unterscheiden sich die Definitionen von illegaler Migration je nach Gesetz des entsprechenden Staates. In Deutschland wird nach dem Gesetz über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und die Integration von Ausländern im Bundesgebiet, unerlaubte Einreise oder Aufenthalt mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet (§ 95 AufenthG). Unrechtmäßig hält sich eine Person aber erst in Deutschland auf, wenn die Ausländerbehörde keine Kenntnis über den Aufenthalt hat oder die Person weder Aufenthaltsrecht noch Duldung besitzt. Ende des Jahres 2022 waren in Deutschland durch das Ausländerzentralregister 3,08 Millionen Geflüchtete registriert. Rund 73% (2,25 Millionen) verfügten dabei über einen anerkannten Schutzstatus.  8% (255 000) Menschen waren durch eine Ablehnung im Asylverfahren oder Verlust ihres Schutzstatus ausreisepflichtig. Wiederum 219 000 Personen erhielten eine Duldung, da die Abschiebung aus „tatsächlichen oder rechtlichen Gründen unmöglich“ erachtet wurde. Lediglich 1% (36 000) der Schutzsuchenden in Deutschland hätten zum Jahresende 2022 hätten demnach abgeschoben werden können und hielten sich folglich illegal in Deutschland auf.

Dennoch spricht die AfD im Kontext von „illegaler Migration“ vom „Asylparadies Deutschland“ und der „Einwanderung in unser Sozialsystem“, versichert jedoch die „Remigration“ würde ausschließlich auf „rechtsstaatliche[..] und gesetzeskonforme[..] Rückführung[en] ausreisepflichtiger Ausländer“ abzielen. .

POPULISMUS JENSEITS DER AFD

„Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“

sagte Bundeskanzler Olaf Scholz im Interview mit dem Spiegel.

Es ist jedoch nicht nur die AfD, die Rückführungen als zentrale Maßnahme zur Bekämpfung der ‚irregulären‘ Migration darstellt.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser sagte im Zusammenhang der Aufnahme von 1,1 Millionen geflüchteter Menschen aus der Ukraine, Deutschland werde zwar dieser humanitären Verantwortung gegenüber den Schutzsuchenden nachkommen, aber „um dies gewährleisten zu können und das Grundrecht auf Asyl zu schützen, müsse […] zugleich die irreguläre Migration deutlich begrenzt“ werden. Bundeskanzler Olaf Scholz postulierte im Interview mit dem Spiegel Magazin: „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“. Durch die Adaption dieses Framings von Migration als ‚illegal‘ und Rückführungen als zentrale Maßnahme dagegen, verleihen Faeser und Scholz im Sinne einer Framing-Koalition den Forderungen der AfD nach einem harten Durchgreifen des Rechtstaates mehr Glaubwürdigkeit.  

Entsprechend werfen aktivistische pro-asyl Organisationen der Bundesregierung vor, es würde so getan, als könne eine Verschärfung im Abschiebungsgesetz zu einer Entlastung der Kommunen führen. Es könne vor allem mit mehr „Härte und Verletzungen der Grundrechte ohne jede Verhältnismäßigkeit, die dem Rechtspopulismus weiter Vorschub leisten“ gerechnet werden.  

Aktuelle

Migrationspolitik

Die aktuelle Migrationspolitik der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) steht im starken Kontrast zu Bundeskanzlerin Angela Merkels „Wir-Schaffen-das“-Motto und einer liberalen Asylpolitik von SPD und CDU als Regierungsparteien im Jahr 2015. Diese Entwicklung fügt sich jedoch ein in eine Tendenz, die sich europaweit zeigt. In einer Studie aus dem Jahr 2020 wurde untersucht, wie sich der Erfolg rechtsradikaler Parteien auf die politischen Positionen der etablierten Parteien in europäischen Demokratien auswirkt. Dabei wurde festgestellt, dass etablierte Parteien europaweit migrationsfeindlichere, restriktivere und nationalistischere Positionen vertreten. Dieser Wandel zeigt sich auch in dem Versuch, eine restriktivere Migrationspolitik in der Europäischen Union (EU) zu etablieren.  

Die GEAS-Reform

Die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) sieht nicht nur „einen wirksamen Grenzschutz an den europäischen Außengrenzen“ vor, sondern unter anderem auch „schnellere Prüfung von Asylanträgen“ direkt an den EU-Grenzen und „wirksamere Rückführung“. Insbesondere sollen abgelehnte Migrant*innen, die über „sichere Drittstaaten“ nach Europa einreisten, in diese Staaten abgeschoben werden können. Damit in Zukunft mehr Abschiebungen ermöglicht werden können, werden die Kriterien für „sichere Drittstaaten“ gelockert.  

Daran wird kritisiert, dass so Abschiebungen aus Drittstaaten zurück in die Herkunftsländer der Schutzsuchenden ermöglicht werden würden, selbst wenn dort Verfolgung und Tod drohe. Die Prüfung von Asylanträgen an den EU-Grenzen in extra dafür geschaffenen Einrichtungen könne außerdem nur unter „haftähnliche[n] Bedingungen“   stattfinden. Aktivistin Isa Arendt kritisiert die Einrichtungen deutlich schärfer als „gefängnisartige[. .] Lager[..]“. Seitens des Bundesministeriums des Inneren und für Heimat (BIMF) heißt es, die „Unterbringung“ sei nicht mit „Haft gleichzusetzen“, da im Grenzverfahren lediglich für einen „befristeten Zeitraum eine Freiheitsbeschränkung“ vorgenommen werde und die „Ausreise in Drittstaaten“ weiterhin möglich sei. Ferner müsse die „Unterbringung unter menschenwürdigen Bedingungen […] immer gewährleistet“ sein.

Besonders vor dem Hintergrund der ab 2019 zunehmenden Vorwürfe über massive Menschenrechtsverletzungen an den EU-Außengrenzen durch die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache FRONTEX polarisiert die GEAS-Reform. Gruppierungen wie das Border Violence Monitoring Network, Dokumentar-Filme wie „Shadow Game“  oder investigative Recherchen wie „Die Frontex Files“ bezeugen illegale Pushbacks, willkürliche Gewalt, Machtmissbrauch und Sachbeschädigungen gegenüber Geflüchteten.

Während der Bundeskanzler Olaf Scholz die GEAS-Reform als einen „historische[n] Schritt“ bezeichnet, kritisiert Rasmus Andresen, Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, die Reform als „massive Menschenrechtseinschränkung“, die nicht in der Lage sei, das Asylsystem besser zu ordnen, sondern lediglich eine vermeintliche Lösung vortäusche. Der AfD hingegen geht die GEAS-Reform nicht weit genug. So postet Alice Weidel auf X, die Reform sei eine „Mogelpackung“, welche nichts an der „katastrophalen Lage in Deutschland“ ändern könne.

„Die #Asylreform ist eine Mogelpackung kurz vor der wichtigen #Europawahl. An den grundsätzlichen Mängeln des #EU-Asylsystems und der katastrophalen Lage in Deutschland ändert sich nichts. Statt Scheinlösungen bedarf es effektiver nationaler Maßnahmen.“

postete Alice Weidel am 11.04.2024 auf X.

„Postfaktischer Populismus“ in der Union

Es sind jedoch nicht nur Olaf Scholz und Nancy Faeser und damit auch die SPD, welche restriktivere Maßnahmen in der Migrationspolitik unterstützen. Besonders die Christlich Demokratische Union (CDU) fällt durch ein zunehmend konservativeres Profil auf.  

Am 15. Januar 2024 verabschiedete die CDU ihr 4. Grundsatzprogramm, um sich für die kommenden Landtagswahlen und die Bundeswahl 2025 „programmatisch stark aufzustellen“. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann kommentierte dazu, die Union hätte die Bundestagswahlen 2021 wegen einer „Unklarheit der Linien“ verloren. Parteivorsitzender Friedrich Merz nannte das Grundsatzprogramm einen „wichtige[n] Meilenstein auf dem Weg zur inhaltlichen Erneuerung“ der Partei. Durch ihre „Grundwerte und Ideen für eine gute Zukunft“ will die CDU für ihre Wähler*innen in dieser „angespannten Zeit Sicherheit, Halt und Orientierung geben“ und behauptet, sie sei nun „wieder stärkste politische Kraft in Deutschland“.  

Migration wird in dem neuen Grundsatzprogramm vor allem als „ungesteuert[..]“ und „unkontrolliert[..]“ bezeichnet, denn häufig fände die Migration lediglich unter dem „Vorwand der Asylsuche“ statt und sei eine Form der „illegalen Einwanderung“. Entsprechend geht es der CDU um ein „Zurückerlangen“ von „Kontrolle“ durch einen „grundlegenden Wandel des europäischen Asylrechts“. Diese Entwicklung scheint dabei auch Konsequenz der Bundesführung der CDU unter Friedrich Merz seit 2022 zu sein. Dieser kündigte im Juli 2023 bereits an, die CDU solle eine „echte Alternative für Deutschland mit Substanz“ werden. 

Besonders auffällig ist jedoch die sprachliche Annäherung der CDU an die AfD. Insbesondere in Talkshows fallen prominente CDU-Politiker*innen immer wieder durch (rechts)populistische Aussagen auf. Massive mediale Aufmerksamkeit und Kritik generierte Friedrich Merz durch seinen Auftritt in einer Talkshow zum Thema „Flüchtlingskrise in Deutschland: Wie lässt sich der Migrationsstrom steuern?“ im September 2023 auf. Dort echauffierte sich Merz:  

Die werden doch wahnsinnig, die Leute, wenn die sehen, dass 300.000 Asylbewerber abgelehnt sind, nicht ausreisen, die vollen Leistungen bekommen, die volle Heilfürsorge bekommen. Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine“.

Nancy Faeser bezeichnete die Aussage als „falsch“ und sprach von „erbärmliche[m] Populismus“.  

Aber es ist nicht nur Friedrich Merz der in Bezug auf Migration (rechts)populistische Töne anschlägt. Auch Markus Söder, aktueller Ministerpräsident in Bayern, gestellt von der Christlich-Sozialen Union (CSU) wird immer wieder vorgeworfen, er betreibe „postfaktischen Populismus“. So verlangte Söder, wer eine deutsche und eine andere Staatsbürger*innenschaft habe und das Kalifat fordere, dem solle die Deutsche entzogen werden. Gilda Sahebi, deutsch-iranische Journalistin und Autorin, kritisierte Markus Söders Aussage auf Instagram scharf. Der Entzug der Staatsangehörigkeit sei der erste Schritt zur Remigration, argumentiert sie. Denn es finde eine Aufteilung in „echte Deutsche“ und „nicht echte Deutsche“ statt. Selbst mit deutschem Pass sei man der CDU/CSU zufolge niemals echt deutsch, sondern deutsch auf Bewährung.  

Die Pressestelle der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration kommentierte das Statement von Markus Söder auf Nachfrage wie folgt:   

„Der Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit ist verfassungsrechtlich verboten (vgl. Art 16 Abs. 1 Satz 1 GG). Eine Rücknahme einer rechtswidrigen Einbürgerung ist gemäß § 35 StAG allerdings erlaubt, wenn diese durch arglistige Täuschung, Drohung oder Bestechung […] erreicht worden ist. […]. Den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit wegen des Beitritts zu einer ausländischen Armee oder einer ausländischen terroristischen Organisation regelt § 28 StAG.  Für den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit sind sehr enge gesetzliche Grenzen gesetzt. Diese Regelung ist sowohl Bestandteil der Verfassung als auch Teil des Grundrechtekatalogs und als solche besonders geschützt. […] Das Grundgesetz verbietet zurecht eine Staatsangehörigkeit 1. und 2. Klasse.“

Besonders vor diesem rechtlichen Rahmen wird der (rechts)populistische Charakter von Markus Söders Forderung deutlich. 

Die Annäherungsmanöver der CDU/CSU kommentierte Marcus Bühl von der AfD in seiner Bundestagsrede: „Es ist geradezu grotesk, dass ausgerechnet die CDU sich nun als Partei darzustellen versucht, die etwas Maßgebliches gegen die illegale Zuwanderung unternehmen will. Wer den Asylmissbrauch konsequent stoppen will, entscheidet sich für das Original, nämlich die AfD“.  

EINE ZUM SCHEITERN VERURTEILE ANNÄHERUNG?

Soziolog*innen und Politikwissenschaftler*innen beobachten, dass Migration als Kernthema rechtspopulistischer Parteien das stärkste mobilisierende Moment in Wähler*innenschaften darstellt. Die Angst vor Überfremdung, anderen Kulturen und sozialem Abstieg stehen dabei im engem Zusammenhang mit Migration. Pluralismus innerhalb der vermeintlich homogenen Gesellschaft sind zentrale Angriffspole rechtspopulistischer Strömungen. Gleichzeitig gelten rechtspopulistische Parteien und Bewegungen als Phänomen gesellschaftlicher Modernisierungskrisen. Rascher Wandel, Wert- und Orientierungsverluste, begleitet von einem politischen Entfremdungsgefühl lassen populistische Strömungen demnach aufleben. Dabei kann Populismus durchaus auf reale Problematiken verweisen, instrumentalisiert diese jedoch für die eigenen Interessen im besonderen Maße. Die Grenzen zur Manipulation von Wähler*innen durch Verschleierung komplexer Sachverhalte und der Forderung nach vermeintlich einfachen Lösungen mit der Tendenz zu Radikalität sowie die Inszenierung von klaren Schuldigen, sind zumindest beim Rechtspopulismus der AfD fließend.

Sowohl in akademischen wie auch in öffentlichen Debatten ist immer wieder die zentrale Frage, wie sich die etablierten Parteien gegenüber des zunehmenden Rechtspopulismus verhalten und welche Auswirkungen dieses Verhalten hat. Zu beobachten ist, dass etablierte Parteien europaweit als Reaktion auf den Rechtspopulismus migrationsfeindlichere, restriktivere und nationalistischere Positionen:

Oft wird argumentiert, dass ein programmatisches und rhetorisches Entgegenkommen notwendig sei, um rechtsradikalen Herausforderungen zu. Diese Theorie wird durch den aktuellen politikwissenschaftlichen Forschungsstand jedoch zunehmend in Frage gestellt.

Kritisiert wird einerseits, dass eben diese Übernahme rechtspopulistischer Positionen von etablierten Parteien (rechts)populistische Diskurse grundsätzlich legitimiert. Entsprechend ist auch damit zu rechnen, dass mit der Übernahme von gewaltvoller Sprache aus dem rechtspopulistischen Spektrum, sowie der Reproduktion von rechtspopulistischen Narrativen zur strategischen Emotionalisierung von Themen zum eigenen Vorteil, eben dieses Vorgehen in der Politik zunehmend populärer wird.

Andererseits scheinen etablierte Parteien durch rhetorische und programmatische Annäherung nicht an Zuspruch und Wähler*innenstimmen zu gewinnen. Nach Jean-Marie Le Pen, der langjährigen Parteispitze des Front National, inzwischen Rassemblement National, aus einem simplen Grund: die Wähler*innen würden „das Original der Kopie vorziehen“. Im besten Fall kommt es durch diese Strategie etablierter Parteien zu keiner Abwanderung in ihrer Wähler*innenschaft und lediglich zur Legitimierung von (Rechts)populismus als politische Kommunikationsstrategie. 

Für Deutschland scheint jedoch zu gelten, dass „eine Verringerung der Distanz zwischen Union und AfD im Vergleich zur jeweils letzten Wahl im Bundesland oder bei Bundestagswahlen in den beiden Politikbereichen mit einem höheren Stimmenanteil für die AfD einhergeht“. Dieses Ergebnis ergab die Untersuchung von allem programmatischen Positionen der AfD und CDU/CSU seit 2013 auf Bundes- und Landesebene. 

Vieles deutet demnach darauf hin, dass die Unionsparteien nicht davon profitieren, wenn sie sich (rechts)populistische Programmatik und Rhetorik aneignen, um ihre abgewanderten Wähler*innen zurückzugewinnen. Insbesondere gilt das für das Kernthema der AfD: die Migration. In dieser Logik sollten die Unionsparteien dieses Thema eher sachlich und kontextualisiert abhandeln und nicht versuchen, es sich als prominentes Wahlkampfthema anzueignen. Nicht auszuschließen ist, dass diese politikwissenschaftlichen Forschungserkenntnisse auch für andere etablierte Parteien in Deutschland gelten. Dennoch scheint die Strategie einer programmatischen und rhetorischen Annäherung an die AfD immer häufiger zu Anwendung zu kommen. 

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